Der dritte Tote. Bewohner des Flüchtlingslager Harbke begeht Suizid

von Refugee Protest Bitterfeld und Antirassistisches Netzwerk Sachsen-Anhalt

Wie erst vor einigen Tagen bekannt wurde, nahm sich bereits Anfang August ein Bewohner des Flüchtlingslager Harbke (Landkreis Börde, Sachsen-Anhalt) gewaltsam das Leben. Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen Mann aus Indien, der ohne Angehörige im Lager lebte. Die genauen Umstände und Beweggründe zu dem tragischen Vorfall sind bisher ungeklärt. Laut Aussagen anderer Bewohner des Lagers lebte der Tote sehr zurückgezogen und hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen. Bisher gibt es keine genaueren Information oder eine Stellungnahme durch die Heimleitung oder den Landkreises, der die Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge zu verantworten hat.

Mit dem Ableben des Mannes aus Harbke muss der bereits dritte Tote aus einer sogenannten Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende und Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt für 2013 verzeichnet werden. Zuvor, im April diesen Jahres, verstarb Cosmo Saizon1 aus dem Lager Friedersdorf (Landkreis Anhalt-Bitterfeld). Kurz darauf, im Mai, erlag Adams Bagna2 aus dem Lager in Bernburg (Salzlandkreis ) den Folgen eines schweren Asthmaanfalls. In beiden Fällen sind sowohl die mangelhafte medizinische Versorgung als auch die schlechten hygienischen Bedingungen in den Lagern für den Tod der beiden mitverantwortlich.

Das Lager in Harbke, das abgeschnitten vom eigentlichen Dorf keine 200 Meter direkt neben der Autobahn A2 an der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegt, ist bereits in den vergangenen Jahre aufgrund der unhaltbaren Zustände massiv in die Kritik geraten. Doch geändert hat sich bis heute nichts an den menschenunwürdigen Wohn- und Lebensverhältnissen der Betroffenen.

Rund 200 Menschen, Alleinreisende als auch Familien mit z.T. Kleinkindern, müssen in den zwei unsanierten Plattenbauten aus DDR-Zeiten unterkommen. Die beiden Gebäude befinden sich auf einem Gelände, das vermutlich durch die Grenzschutztruppen genutzt wurde. Der Großteil der restlichen Bauten im direkten Umfeld steht leer und ist z.T. baufällig. Beim Betreten der Wohnhäuser fallen sofort die durchgehenden Flure, von denen sämtliche Zimmer abgehen, auf. Es gibt daher keine zusammenhängende Wohnungen mit mehreren Zimmern für Familien. Vielmehr leben etliche der Familien in jeweils einem Zimmer und das für z.T. mehrere Jahre. Alleinreise müssen sich mit bis zu 6 Personen ein Zimmer teilen, ebenfalls für Jahre.
Durch die Kasernen-artige Aufteilung besteht keine Möglichkeit sich eine eigene Privatsphäre oder einen Rückzugsraum zu schaffen. Zusätzlich ist es für die Bewohner_innen kaum möglich zur Ruhe zu kommen, weder im Haus, durch die schallenden Flure, noch draußen durch das stetige Rauschen der Autobahn.
Eine Vielzahl der Bewohner_innen sind mittlerweile zwischen 7 und 15 Jahre in Harbke gefangen. Einer der Bewohner lebt seit 20 Jahren im Lagern. Er leidet unter schweren psychische Störungen.

Pro Etage stellt der Betreiber, die Firma BSI GmbH & Co. KG Beherbergungsservice und Immobilien, eine Küche mit drei Herden, sowie einen Wasch- und Duschraum mit jeweils drei Duschen zur Verfügung. Sowohl Herde als auch Duschen sind oft kaputt oder außer Betrieb. D.h. rund 30 Menschen sind gezwungen sich dauerhaft ein bis drei Koch- und Duschgelegenheiten zu teilen. Darüber hinaus sind, wie auch in anderen „Einrichtungen“ dieser Art in Sachsen-Anhalt, auch in Harbke etliche der Wohnräume von Kakerlaken und andere Ungeziefern befallen.

Für die Unterbringung erhielt die BSI im Jahr 2011 vom Landkreis pro Bewohner_innen einen Tagessatz von 7,65€, d.h. für das Jahr hochgerechnet auf die damaligen ca.180 Bewohner_innen rund 500.000€.3 Im selben Jahr wurden insgesamt 83 Flüchtlinge in eignen Wohnungen untergebracht, Kostenpunkt dafür: 109.000€. Aktuelle Zahlen für 2013 liegen uns nicht vor. Es ist aber davon auszugehen, dass sich der Tagessatz für die Lagerunterbringung, wenn er sich verändert hat, erhöht wurde.

Besonders belastend stellt sich für die Bewohner_innen die stark isolierte Lage des Lagers und die damit verbundene Verwehrung einer Teilhabe an städtischen und sozialen Leben dar. Der Weg in das benachbarte Helmstedt (Niedersachsen) dauert zu Fuß, quer durch den Wald, ca. eine Stunde. Ein Bus fährt nur dreimal täglich. Die Wege zu Ärzten oder den zuständigen Behörden gestalten sich ebenfalls langwierig und kostspielig angesichts der eh schon unter dem Existenzminimum liegenden ALG II-Sätze. So müssen die Flüchtlinge um ihre monatlichen Bezüge vom Sozialamt abzuholen nach Oschersleben. Die Fahrt hin und zurück schlägt allein mit neun Euro zu Buche. Bei Schneefall wird es ohne eigenes Fahrzeug schwierig die einfachsten Dinge zu erledigen. Auch fährt dann u.U. der Schulbus nicht mehr.
Zum Einen durch die Isolation und zum Anderen durch die Enge im Lager selbst wird Harbke insbesondere in den Wintermonaten für die Bewohner_innen zu einem tristen Gefängnis.

Wir fordern die sofortige Schließung des Lagers! Wir fordern den Landkreis auf, den im Bördekreis lebenden Flüchtlingen das Leben in einer eigenen, selbstgewählten Wohnung zu ermöglichen! Und wir fordern das Landesverwaltungsamt, das die Aufsicht über die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen hat, auf, einzuschreiten und eine menschenwürdiges Leben für Schutz suchende Menschen sowohl in Harbke als auch in ganz Sachsen-Anhalt zu realisieren!

Presse über das Lager Harbke aus den vergangenen Jahren

09.03.2013
Verletzter bei Brand in Ausländerheim Harbke

26.04.2010
Schließung von Asylbewerberheim Harbke gefordert

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