Kinder auf der Balkanroute

Vor etwas mehr als zwei Jahren, am 18. November 2015, begann die schrittweise Schließung der sogenannten Balkanroute: Slowenien schloß seine Grenzen für alle Geflüchtete, die nicht aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak kamen. Wenig später übernahmen Kroatien, Serbien und Mazedonien in einem quasi Dominoeffekt diese Praxis der Segregation. Tausende Menschen blieben auf der Route oder in Griechenland stecken. Dies stellte einen dramatischen Wendepunkt im langen Sommer der Migration dar. Dieser war ein historisch einmaliger Zeitraum in der Nachkriegsgeschichte Europas, in dem es Geflüchteten möglich war über einen quasi legalen und einigermaßen sicheren Fluchtkorridor nach Zentral- und Nordeuropa zu gelangen. Keine vier Monate später, im März 2016, waren dann die Grenzen für alle Schutzsuchenden, egal woher, dicht. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wie sieht die Situation entlang der Balkanroute für Geflüchtete und insbesondere für besonders Schutzbedürftige, also Kinder und Jugendliche, zwei Jahre später aus?

Vorallem in Griechenland, das seit sieben Jahren mit einer massiven Wirtschaftskrise und all seinen Folgen zu kämpfen hat, leben hunderttausende Geflüchtete in unhaltbaren und menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern auf den Inseln und auf dem Festland, oft schlecht versorgt und ohne Aussicht auf eine Besserung der eigenen Lebenesperspektive. Vorallem für Kinder, Jugendliche und unbegleitete Minderjährige ist das eine katastrophale Situation. Die Arte-Dokumentation „Die vergessenen Kinder Europas“ schildert diesen Zustand eindrücklich. Film anschauen.
Auch sitzen Tausende Menschen in Griechenland fest, obwohl sie einen Rechtsanspruch auf Familienzusammenführung haben. Von den 4948 Personen, die in diesem Jahr nach Auskunft des Bundesinnenministeriums eine Erlaubnis des Bamf erhielten zu ihren Familien nach Deutschland zu kommen, waren im September erst 322 auch eingetroffen. 60 Prozent der Betroffenen sind minderjährig. Die Familienzusammenführung wird seit Monaten durch deutsche, wie griechische Behörden willentlich verschleppt, wie ein geleakter Brief von Mai 2017 offenbart.
Zweitgleich diskutiert die Bundesregierung, vorneweg die christlichen Parteien CDU/CSU, den Familiennachzug nach Deutschland komplett auf Eis zu legen und nicht wie ursprünglich geplant im März 2018 wieder einzusetzen. Dabei bedienen sich die Parteien hypothitischer Zahlen, die bei bis zu 700.000 Menschen liegen, die über den Familiennachzug dann 2018 nach Deutschland kämen. Damit wir einmal mehr willentlich die Angst vor einer unkontrollierbaren „Masseneinwanderung“ geschürrt. Tatsächlich würde der Familienachzug es ca. 60.000 Menschen, vorallem Frauen, Kindern und unbegleiteten Minderjährigen, endlich ermöglichen zu ihren Angehörigen nachzukommen. Sie sitzen zum Teil seit über zwei Jahren in Kriegsgebieten, in der Türkei oder auf der Balkanroute fest.
Dagegen muss protestiert werden! Petition mitzeichnen

Und trotz der geschloßenen Grenzen versuchen täglich Menschen weiterhin dem Krieg und der Not in den Herkuftsländern, aber auch in den Transitländern, zu entkommen. Darunter auch Familien und Kinder. Dabei kam es in der Nacht zum 21. November 2017 zu einem tödlichen Unfall. Die gerade einmal sechsjährige Madina starb an der serbisch, kroatischen Grenze. Ihr Bruder Rashid (15 Jahre) berichtet:

„We were walking through Croatia for about two hours when the police caught us and said we had to go back to Serbia. We were 8 people on that night, Nov 20/21.. It was dark and we were tired. My mother asked if they can let us spend the night, because we were travelling with my two baby brothers one 3 years old, the other 1 year 6 months old.
The police said took us to the train tracks and there was no light. No one said anything about the train, no one warned us. We didn’t know. We were walking and suddenly we heard the sound of the train. We all jumped aside – all, except Madina. The train stopped, and in the light, I saw her lying with her face downwards. I went to her, raised her head and saw blood. I picked her up and took her in my hands.
The police came and I sat in the police car with Madina, while the rest of the family was outside. I don’t know if she was dead or alive, but I think that she was dead. After some time, the ambulance came and they took Madina. We wanted to go, my mother especially, but they didn’t let us. They did not tell us where they took her at first.
Then my mother went asking: Where is my baby? And we wanted to go to Zagreb to wait for news about Madina. The police told us that Madina was taken to Belgrade hospital and we decided to go to Belgrade. But when we arrived in Belgrade, we asked again, and they said that Madina was not there.“ Quelle

Mehr Hintergründe dazu (auf Englisch)

Dies sind nur Schlaglichter auf die komplexe und verzweifelte Lage von Menschen, die kamen um Schutz für sich und ihre Familien zu suchen und die statt dessen mit voller Wucht die tödlichen Folgen der europäischen und deutschen Abschottungspolitik erfahren müssen. Wir dürfen nicht wegschauen, zwei Jahren nach den Willkommensrufen an deutschen Bahnhöfen!


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