[Italien] Riace, ein Modell, das stört

„Riace: Stadt des Empfangs und der Humanität“ – so lesen wir auf der Ortstafel des Städtchens in Süditalien. Doch wie lange noch? Seit Monaten kommt keine finanzielle Unterstützung mehr. Der Bürgermeister Domenico und weitere Personen sind im August aus Protest in den Hungerstreik getreten. Im Folgenden wurde Domenico verhaftet und unter Hausarrest gestellt wegen „Begünstigung der illegalen Einwanderung“ und unkorrekter Vergabe der kommunalen Müllabfuhr an eine Kooperative. Aus dem Hausarrest ist er mittlerweile wieder entlassen worden, aber Italiens Innenminister Matteo Salvini hat angeordnet alle Einwanderer*innen aus dem süditalienischen Vorzeigedorf Riace abzutransportieren. Die rund 200 Migrant*innen werden auf Geflüchtetenunterkünfte in Italien aufgeteilt.

Ein Gastbeitrag aus dem Sommer 2018 vom Europäischen Bürger_Innenforum

Nach einer langen Fahrt taucht unsere Delegation ein in die so andere Realität der kleinen Gassen von Riace. Es ist nicht zum ersten Mal, dass wir hierherkommen und von diesem Ort „ganz unten“ in Kalabrien erzählen. Die Geschichte eines Dorfes, das in ganz Europa zum Symbol für Offenheit, Solidarität und Empfang von Migrant_inn_en geworden ist. In einem Klima von Abschottung, Verschlossenheit und Deshumanisierung, in dem Hilfsorganisationen daran gehindert werden, Ertrinkende aus dem Meer zu retten, in dem die italienische Regierung Geflüchtete in die libyschen Folterlager zurückschickt oder sie als Ackersklaven auf den Tomaten- und Gemüseplantagen im Süden verelenden lässt, da lohnt es sich, diese Geschichte tausend und tausend Mal zu erzählen, denn sie ist der lebendige Beweis dafür, dass es möglich ist, in die Mauer der Festung Europa noch Breschen zu schlagen, und Migrant_inn_en menschlich zu empfangen. Trotz starker Abwanderung ist Riace nicht einfach, wie andere Orte in Kalabrien, von der Landkarte verschwunden und zum Geisterdorf geworden. Es ist, dank seiner Öffnung gegenüber Migrant_inn_en, lebendig geblieben. Als 1989 zum ersten Mal ein Flüchtlingsschiff vor die Küste des Dorfes getrieben wurde, waren die Menschen im Dorf spontan bereit, die Geflüchteten herzlich zu empfangen und alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen, damit sie im Dorf bleiben können. In Riace weiss man noch, was es heisst, weg zu gehen, seine Wurzeln zu verlieren und ohne Mittel in einem andern Land anzukommen, in dem die Menschen eine unbekannte Sprache sprechen. Jede Familie hier hat eine solche Geschichte durchlitten; jede Familie hat eine solche Wunde, die dadurch verursacht wurde, dass sie von geliebten Menschen, die nach Norden gezogen sind, allein gelassen wurde. Dies alles hat Domenico Lucano und eine Handvoll junger Menschen im Dorf dazu bewogen, eine grosse Anzahl von Häusern, die seit dem Wegzug ihrer Bewohner_innen leer standen, wieder instand zu stellen und jenen zur Verfügung zu stellen, die vor der Küste gestrandet sind. Gleichzeitig kam die Idee auf, die landwirtschaftlichen und handwerklichen Aktivitäten auf den verlassenen Terrassen und Ländereien wieder neu zu beleben, um so als Dorf dem scheinbar unvermeidlichen Schicksal des Aussterbens zu entgehen. Eine einfache und geniale Formel: Etwas, das überall als Problem bezeichnet wird, ins Positive drehen! Für die Realisierung dieser Idee wurde der Verein „Città Futura“ ins Leben gerufen, welcher neben dem Empfang der Flüchtlinge, ein Netz von Alternativtourismus und den Aufbau von kleinen Handwerksateliers im Dorf fördert.

Aufleben der Gemeinde

Domenico „Mimmo“ Lucano, der damals als hoffnungsloser Träumer galt, ist heute zum dritten Mal Bürgermeister; er gewann zahlreiche Preise für seine Art, Flüchtlinge im Dorf Riace aufzunehmen. Sein Projekt, integriert ins staatliche Empfangsprogramm SPRAR (1) gilt heute weltweit als Modell. Zahlreiche Bücher wurden geschrieben, Filme gedreht, der vielleicht bekannteste ist jener von Wim Wenders „Il Volo“ (Der Flug). Besucher_innen aus aller Welt lernten hier ein einzigartiges Zusammenleben von Dorfbewohner_inne_n mit Migrant_inn_en kennen. Eine echte Renaissance im 21. Jahrhundert. Heute sind fast die Hälfte der Bewohner_innen des alten Dorfteils auf dem Berg Geflüchtete, unter ihnen befinden sich zahlreiche Mütter mit ihren Kindern. Einzelne finden hier vorübergehend Aufnahme im Rahmen der Regierungsprogramme SPAR und CAS (2), bis über ihr Asylgesuch entschieden wird; andere wollen hier bleiben. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Riace und anderen staatlich unterstützten Empfangsstrukturen. Migrant_inne_en sind hier keine Nummern, welche nach einer abgeschlossenen juristischen Prozedur einfach weitergeschoben werden. In Riace werden die Betroffenen auch nach dem Asylentscheid, wenn keine offizielle finanzielle Hilfe mehr geleistet wird, betreut und weiterorientiert. Nach einem erfolglosen oder gescheiterten Start, meist in einer Stadt im Norden, dürfen sie durchaus wieder „nach Hause“ kommen und bleiben, bis sie stark genug sind, um wieder einen neuen Versuch zu wagen. Hier hat jeder sein Haus. In den steilen engen Gassen des Städtchens hallen Kinderrufe. Die Schulen, die Dorfläden und die Wirtschaften sind wieder offen, auch dank der genialen Erfindung des Bürgermeisters, eine alternative Lokalwährung einzuführen. Die neuen Geldscheine sind verziert mit Porträts von Mandela, Che Guevara, Pasolini, Gandhi und anderen grossen Vorbildern der Geschichte. Sie werden den Flüchtlingen, die im Asylprogramm SPRAR sind, ausgehändigt und sind nur innerhalb des Dorfes gültig. Die Ladenbesitzer_innen können sie zwei Mal im Jahr bei der Gemeinde 1:1 gegen Euro eintauschen, wenn die Hilfsgelder aus Rom eingetroffen sind. Dies gibt den Migrant_inn_en die Möglichkeit, ihr Leben selbständig zu gestalten; gleichzeitig werden so die kleinen Läden über Wasser gehalten. Das Zusammenleben ist allerdings nicht frei von Dorfstreitereien, aber es ist friedlich. Domenico in seiner sympathischen Bescheidenheit nennt Riace eine „Utopie der Normalität“. Sich anderen gegenüber zu öffnen, sich kennen zu lernen und zusammen zu leben, ohne Stacheldraht und Mauern– die materiellen oder jene im Kopf, das ist eigentlich die Normalität, aber die Welt hat dies heute offenbar vergessen.

Keine Unterstützung mehr?

Als wir, alarmiert durch die Presse, am 9. August in Riace eintrafen, fanden wir Domenico, einige Migrantinnen und Mitarbeiter auf dem kleinen Dorfplatz. Sie befanden sich bereits am siebten Tag ihres Hungerstreiks. Seit Monaten werden die zugesagten Hilfsgelder des institutionellen Hilfsprogramms für Flüchtlinge nicht mehr ausbezahlt, Erklärungen für den Zahlungsstopp bleiben aus oder sind einfach nur absurd. Riace wurde ausserdem ohneVorankündigung aus dem Hilfsprogramm SPRAR für das Jahr 2018 ausgeschlossen (3). Das Dorf ist wie durch Schock gelähmt, man versteht die Situation nicht, die Spannungen steigen. 165 Menschen, unter ihnen 50 Kinder riskieren auf der Strasse zu landen. Die Schulden, welche die Gemeinde gegenüber den Läden hat, haben sich angehäuft. Die Sozialarbeiter_innen, welche für die Betreuung der Migrant_inn_en angestellt sind, unter ihnen viele geflüchtete Frauen, die heute einen Asylstatus haben, erhalten seit über 10 Monaten keinen Lohn mehr. Der verantwortliche Präfekt wäscht seine Hände in Unschuld und verweigert mit dem Hinweis, die Verantwortlichkeit befände sich jetzt in Rom, jegliches
Gespräch. „Da Erode a Pilato“, sagt man in Italien. Auf Deutsch: Man wird von Pontius zu Pilatus geschickt.
Am Abend unserer Ankunft wurde der absolute Hungerstreik nach einer kleinen Versammlung eingestellt, die gesundheitlichen Konsequenzen waren für einige der Frauen zu gross, ausserdem hatte die Präfektur endlich zugesagt, den Bürgermeister zu empfangen. Der Streik wird jedoch als Stafette, jeden Tag durch eine andere Gruppe getragen, weitergeführt, die Protestwachen auf dem Dorfplatz bleiben, bis eine Lösung in Sicht ist. Domenico Lucano ist erschöpft: durch den Hungerstreik, aber auch durch das Gewirr der Informationen aus den undurchsichtigen offiziellen Institutionen, durch die Angriffe auf ihn, durch den aufkommenden Rassismus in Italien und das Bewusstsein, dass alles, was in den letzten 20 Jahren an Positivem aufgebaut worden war, mit einem Federstrich weggewischt werden könnte. Diese Stimmung beeinflusst auch das Dorfklima und entfacht wieder alte Querelen. Seine Trikolore, die Schärpe des Bürgermeisters, hat Domenico an einer Mauer am Dorfplatz befestigt. Sein Manifest, in dem er sich gegen die Behörden wehrt, unterzeichnete er mit „rebellischer Bürgermeister“. Er wird nicht aufgeben, er weiss, dass es von einer Regierung, die immer mehr ins rechtsextreme Eck rutscht, mit einem fremdenfeindlichen Innenminister, welcher ihn selbst öffentlich als „Null“ bezeichnete, nicht mehr viel zu
erwarten ist. Domenico weiss, dass das Beispiel seines Dorfes jene Kreise stört, die die Rettung von Geflüchteten aus dem Mittelmeer verhindern, welche die Häfen schliessen und die Lager für Migrant_inn_en in Folterländer verlegen wollen. Kreise, welche die Legalisierung der Selbstjustiz fordern und planen, Sinti und Roma zu „inventarisieren“, um sie so besser
abschieben zu können. Domenico sucht nach Lösungen, damit dieses Modell von Humanismus und Empfang, das in seinem Dorf entstanden ist, weiterbestehen kann; notfalls auch ausserhalb der institutionellen Subventionsprogramme, welche wahrscheinlich selbst dann, wenn er den Kampf um die letzte geschuldete Rate gewinnt, früher oder später eingestellt werden.

Notwendige Solidarität

Während unseres Aufenthalts in Riace konnten wir feststellen, dass Domenico nicht alleine dasteht. Auf den Dorfplatz, welchen er als „mein neues Büro“ bezeichnet, kommen immer wieder Besucher_innen, aus Italien und aus dem restlichen Europa, welche so ihre Solidarität bekunden: Der „sindaco“ von Neapel und die „alcaldessa“ von Barcelona kamen persönlich vorbei, die Bürgermeister von Genf und Palermo schickten Solidaritätsbriefe. Zahlreiche Einzelpersonen, Vertreter_innen von Hilfswerken, Vereinen, Journalisten sind da, um Danke zu sagen, Danke, dass es Beispiele wie Riace gibt. Der Verbund der „Solidarischen Gemeinden“ Italiens hat bereits eine erfolgreiche Sammelkampagne gestartet. Eine Petition ruft dazu auf, Riace für seine kulturelle Leistung ins Weltkulturerbe der UNESCO aufzunehmen.

Wir vom Europäischen Bürger_innenforum beteiligen uns seit den Anfängen aktiv an diesem Projekt. Wir werden mit Domenico in Kontakt bleiben und überlegen zusammen mit ihm, welche konkreten Lösungen gefunden werden können, um diesen widrigen Umständen zu trotzen. Es braucht eine Anstrengung von uns allen, damit Riace dieses Modell von Solidarität und Menschlichkeit bleiben kann, damit dem Projekt ein langes Leben beschieden ist, damit es uns weiterhin als Vorbild dienen kann: Riace ist eine politische Herausforderung für uns alle in Europa. Wir werden die Leser_innen des Archipel auf dem Laufenden halten.

Barbara, Valentina, Hannes, Marco, Rajko, Mitglieder der Delegation des EBF

1. SPRAR: Hilfsprogramm für Asylsuchende in Italien. Für alle Geflüchteten erhalten die
Betreuungsorganisationen während der Dauer des ihres Asylverfahrens 35.- € pro Tag.
2. CAS: centri di accoglienza straordinaria, Zentren für aussergewöhnlichen Empfang
3. Siehe „Communiqué des Bürgermeisters von Riace

Communiqué des Bürgermeisters von Riace

„Ich protestiere gegen die Ungerechtigkeit, welche unsere Gemeinschaft, die Geflüchtete empfängt, seit zwei Jahre erleidet. Riace wurde von der Auszahlung des geschuldeten Saldos für die Periode Juli bis Dezember 2017 (ungefähr 650‘000 EUR) ausgeschlöossen und das Dorf zählt nicht mehr zu den finanziell Begünstigten für das erste Semester von 2018. Und dies trotz der Tatsache, dass hier alle Aktivitäten normal weitergeführt werden. In Bezug auf die Einstellung der Finanziellen Unterstützung haben wir bis anhin nicht die geringste Mitteilung erhalten. Wir haben inzwischen einen riesigen Berg von Schulden gegenüber Lieferanten, Ladenbesitzern und Flüchtlingen. (…) Seit September 2016 weigert sich der Präfekt und er weigert sich noch heute unter absurd klingenden Vorwänden, die aufgelaufenen Schulden zu begleichen. Wir nähern uns einem kritischen Punkt, der nicht mehr umkehrbar sein wird. Wenn uns die geschuldeten Beträge nicht überwiesen werden, wird das Projekt Riace zu Ende sein. 165 Geflüchtete, davon 50 Kinder, werden auf der Strasse stehen. 80 Lieferanten und die Ladenbesitzer im Dorf, welche die Grundversorgung der Geflüchteten sicherstellten, werden nicht ausbezahlt werden können. Die Wirtschaft der gesamten Gemeinschaft und ein einzgartiges Modell der Aufnahme und der Integration wird unter einem Haufen von Schutt begraben.“

Domenico Lucano, ein rebellischer Bürgermeister

1*) SPRAR Hilfsprogramm für Asylsuchende in Italien. Für alle Geflüchteten erhalten die
Betreuungsorganisationen während der Dauer des ihres Asylverfahrens 35.- EUR pro Tag.
2*) CAS centri di accoglienza straordinaria
3*) Siehe „Communiqué des Bürgermeisters von Riace


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